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Archiv 2014

 
02.09.2014

Gesegnete Mahlzeit!

Seniorin schöpft Suppe in Teller

Gemeinsam zu essen und andere zum Essen einzuladen hat zentrale kulturelle und soziale Funktionen. Gemeinsam am Tisch zu sitzen und zu genießen ist prägend. Persönliche Feiern und private Feste sind immer auch durch besondere Speisen und Getränke gekennzeichnet. Die Feier des gemeinsamen Abendmahls hat eine wesentliche religiöse und spirituelle Bedeutung. Menschen im Alter, die in den Häusern des Diakoniewerks leben, in Tagesbetreuungseinrichtungen oder durch Diakonie.mobil gepflegt und begleitet werden, sind oftmals kaum mehr in der Lage, Gäste zu bekochen oder sich in einem Restaurant ein besonderes Menü schmecken zu lassen. Sie können sich häufig kaum mehr selbst verpflegen. Umso bedeutender ist es, die Ernährung und Esskultur in den Blick zu nehmen.

Gute Ver-Pfleg-ung?

Geht es um die Verpflegung in einer Einrichtung oder um eine Ernährungs- und Esskultur? Was macht eine gute Esskultur aus? Viele Aspekte sind dabei zu beachten – diätologische Themenstellungen, Fehlernährung, der Anteil biologischer und regionaler Lebensmittel, Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme, Appetitlosigkeit, Frische der Speisen, die Tischgesellschaft, das Gedeck, persönliche Vorlieben und Abneigungen – vor allem aber in einem möglichst hohen Maß selbstbestimmt essen und trinken zu können. Sind es möglichst viele Wahlmöglichkeiten, die eine gute Esskultur kennzeichnen? Wenn ja, was soll gewählt werden können: das Menü, die Zeit des Mahls, auch der Ort, an dem es eingenommen wird und mit wem, oder wer beim Essen – wenn erforderlich – unterstützt.

„Sobald begonnen wird, das Essen zuzubereiten, kommt Leben in die Hausgemeinschaft. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden aktiver, lächeln sich zu und kommen miteinander in Kontakt“, schildert eine Studierende der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Wien ihre Eindrücke, die sie im Rahmen einer Forschungswerkstatt in den Hausgemeinschaften Erdbergstraße sammeln konnte.

Muss ich da mitkochen?

Das Diakoniewerk hat mit Hausgemeinschaften die sogenannte „vierte Generation“ der Alten- und Pflegeheime realisiert und ist österreichweit größter Anbieter dieses Konzeptes. Eines der augenscheinlichsten Merkmale ist die zentrale Wohnküche in jeder Hausgemeinschaft, in der die Mahlzeiten täglich frisch zu- und aufbereitet sowie in Gemeinschaft eingenommen werden. Nach wie vor eine der häufigsten Fragen bei diesem Konzept ist, ob man da mitkochen müsse. Man muss natürlich nicht, aber man darf. Und darüber hinaus geht es weniger um’s Mitkochen als um die Möglichkeit, einer guten Esskultur näher zu kommen.

„Früher wurde das Essen am Tablett serviert, in den Wohngruppen richten wir die Speisen nun in Schalen und Schüsseln und servieren sie gemeinsam am Tisch. Die Bewohnerinnen und Bewohner können selbst entscheiden, ob und wie viel sie sich von den einzelnen Speisen nehmen. Bei Menschen mit Demenz können wir feststellen, dass sie mehr und mit größerem Appetit essen, sobald sie selbst über die Portion auf ihrem Teller entscheiden“, schildert eine Hausleitung positive Erfahrungen seit der Umstellung. „Manche unserer BewohnerInnen genießen es hingegen, die Speisen schön angerichtet auf dem Teller serviert zu bekommen. Herr K. übernimmt es täglich gerne, Suppe, Kartoffeln, Gemüse oder Fleisch aus den Töpfen und Schalen auf die Teller seiner MitbewohnerInnen zu schöpfen und damit der ‚Gastgeber’ zu sein.“

Das Auge isst mit!

Kochen, Essen und Trinken regt alle Sinne an. Gute Gerüche aus der Küche machen hungrig, das Brutzeln in der Pfanne lässt „das Wasser im Mund zusammen laufen“ und Farben, Formen und Konsistenz von Speisen und Nahrungsmitteln werden nicht nur in der gehobenen Küche oftmals als entscheidend für ein gutes Essen erwähnt. Das Auge isst eben mit.

Das kann aber manches Mal auch zu Herausforderungen führen, die es zu bewältigen gilt. Personen mit Schluckbeschwerden oder anderen Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme erhalten die Speisen oft in pürierter und damit in wenig ansehnlicher Form. Diesem Thema widmet sich in den Hausgemeinschaften Erdbergstraße nun eine Klasse der Wiener Schule für Sozialberufe mit dem Küchenchef Attila Várnagy, die versuchen, pürierte Kost wieder in ihre ursprüngliche Form, Konsistenz und Farbe zu bringen. Sensibel ist aber auch damit umzugehen, wenn Personen beim Essen Unterstützung benötigen oder die Speisen aus unterschiedlichen Gründen – Demenz, körperliche Einschränkungen – nicht mehr mit dem Besteck zu sich nehmen oder aus Sicht von MitbewohnerInnen „unappetitlich“ essen. Hier ist im besonderen Maß sensibel vorzugehen, um das Essen und die Mahlzeiten für die gesamte Tischgemeinschaft angemessen zu gestalten, weil Essen und Trinken eben mehr ist als die Nahrungsaufnahme.

Links

Hinweise

Autorin: Daniela Palk

Erstmals erschienen in Diakonie - Die Zeitschrift für Nächstenliebe in unserer Zeit! Nr. 2/2014

www.diakoniewerk.at/zeitschrift-diakonie


Seniorin schöpft Suppe in Teller