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Archiv 2014

 
08.10.2014

Neue Medikamente, intelligente Smartphone-Apps oder high-tech-Blutzuckermessung

Geballte Kompetenz: 17.500 Ärzte und Wissenschafter trafen sich von 14. bis 19. September 2014 in Wien, um sich im Rahmen des 50. Jahreskongresses der Europäischen Diabetes Gesellschaft (European Association for the Study of Diabetes) EASD über neueste Forschungserkenntnisse auf dem Gebiet des Diabetes auszutauschen.
Prim. Univ.Doz. Dr. Raimund Weitgasser, Leiter der Inneren Medizin an der Klinik Diakonissen Salzburg, hatte in diesem Jahr die ehrenvolle Aufgabe als Vorsitzender des lokalen Organisationskomitees inne. Im Interview erzählt er, welche Neuerungen das Leben mit Diabetes erleichtern.

Herr Dozent Weitgasser, wir freuen uns mit Ihnen, dass Sie als „Botschafter“ der Klinik Diakonissen Salzburg und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, an der Sie ja als Lehrender und Forscher tätig sind, diesen großen internationalen Kongress mit so viel Erfolg ausrichten konnten.
Danke! Wir freuen uns über die Teilnahme von über 17.500 Ärzten und Wissenschaftern aus 120 Ländern, welchen eine breiter Überblick zu neuen Studienergebnissen in Form von Vorträgen und Posterpräsentationen geboten wurde.

Eine Vortragssitzung widmete sich dem Thema „Where we came from and where we go“. Woher kommen wir denn in der Diabetologie und wohin geht es?
Vor etwa 50 Jahren steckte die Betreuung von Personen mit Diabetes noch in den Kinderschuhen. Es gab noch keine Blutzuckermessung, nur die Bestimmung des Zuckers im Urin konnte neben klinischen Symptomen wie vermehrtem Durst, vermehrtem Harnlassen oder Gewichtsabnahme einen Hinweis auf Diabetes bzw. eine ungenügende Behandlung einer bereits bestehenden Erkrankung geben. In den letzten 25 Jahren wurden nun Blutzuckermessgeräte entwickelt, welche aus ganz kleinen Blutmengen nach einem Fingerstich den Blutzucker messen können. Die Geräte werden immer kleiner und messen immer schneller. Doch auch diese Technik scheint bald überholt.

Sie sprechen auf die Blutzuckermessung mittels Sensor an?
Richtig. Am Kongress wurden neue Systeme zur kontinuierlichen Messung des Zuckers im Gewebe vorgestellt. Eine kleine Sensornadel, welche im Unterhautgewebe platziert wird, misst den Zucker alle paar Sekunden und gibt den Wert an ein Ablesegerät weiter, sodass damit ein durchgehendes Messprofil entsteht nach dem der Patient seine Behandlung, z.B. die Insulindosierung, anpassen kann.
Neben der technischen Entwicklung, welche auch neue Insulinpumpen ohne Schlauchsystem, sogenannte Patch-Pumpen, umfasst, wurde in den letzten Jahren eine Vielzahl neuer Diabetesmedikamente entwickelt.
Erfreulicherweise sind wir hier in der Klinik Diakonissen Salzburg mit Forschungsarbeiten zu Glukosesensoren unmittelbar an den neuesten Entwicklungen beteiligt.

Welche neuen Therapieansätze gibt es da?
Konzentrierte sich die Forschung anfangs auf eine Verstärkung der Insulinausschüttung aus der Bauchspeicheldrüse, dem insulinproduzierenden Organ, so geht man mit Neuentwicklungen andere Wege. Die Verstärkung der Wirkung von physiologisch vorhandenen Darmhormonen z.B., welche die Ausschüttung des Gegenhormons zum Insulin, des Glukagon, hemmen, bewirken eine deutliche Blutzuckersenkung nach den Mahlzeiten. Ein anderer Ansatz ist die Blockade der Rückaufnahme des über den Urin ausgeschiedenen Zuckers in der Niere, wodurch es zur Blutzuckersenkung kommt. Auch werden neue Insuline entwickelt, welche der physiologischen Insulinwirkung immer näher kommen.

Sind diese Medikamente auch sicher?
Neue Medikamente unterliegen einer aufwändigen Forschungs- und Studienprozedur, erst dann werden sie über die Europäische Arzneimittelbehörde EMA zugelassen. Dazu sind große Studien zum Nachweis der Sicherheit, insbesondere in Hinblick auf das Risiko für Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen nötig.

Was bedeutet die Abhaltung eines solchen großen Kongresses für die Österreichische Forschungslandschaft?
Sehr viel! Unser kleines Land kann sich u.a. durch die Initiativen der Österreichischen Diabetes Gesellschaft, der dazu spezifischen wissenschaftlichen Fachgesellschaft, durchaus sehen lassen. Selbstverständlich soll daraus aber auch ein Wink zum Wissenschafts- und Gesundheitsministerium gehen, um die Forschungsförderung in Österreich wieder auf ein Niveau zu heben, welches dem internationalen Anspruch genügt.

Gibt es da auch eine direkte Auswirkung auf die Patientenbetreuung in Österreich?
Ja, denn je mehr Experten neue Forschungsergebnisse und Fortbildungsinhalte in ihre tägliche Praxis einbringen, desto besser sind die zu erwartenden Ergebnisse. Wenn man die ganz deutliche Verlängerung der Lebenserwartung und die Reduktion der diabetischen Folgeerkrankungen (z.B. Erblindung, Niereninsuffizienz mit Notwendigkeit der Dialyse, Herzinfarkte) betrachtet, so ist allein in den letzten 20 Jahren sehr viel Positives erreicht worden. Zudem sind flächendeckende Diabetespatientenschulung und Betreuungsmodelle im Bereich der niedergelassenen Praktischen Ärzte Errungenschaften, welche gemeinsam mit den Versicherungsträgern umgesetzt werden. Die Österreichische Diabetes Gesellschaft setzt heuer mit der Öffentlichkeitskampagne „Face Diabetes“ ein Zeichen welchem Sie in den nächsten Monaten immer wieder begegnen werden.

Mit der Diagnose Diabetes verbindet man häufig Einschränkungen, vor allem in der Ernährung, aber auch in vielen anderen Dingen des Lebens. Gibt es da Erleichterungen?
Wie schon gesagt, die Technik bietet hier Hilfen, welche künftig bis in Smart-Phone Applikationen gehen, da werden Blutzuckermessung und Berechnungen der Kohlenhydratmengen des auf dem Teller befindlichen Essens auf Knopfdruck assoziiert werden können.
Was die Ernährung bei Diabetes im Allgemeinen anlangt, ist man von einer spezifischen „Diabetesdiät“ völlig abgekommen. Je abwechslungsreicher man Mahlzeiten gestaltet und sie im Grundkontext einer „Mediterranen Kost“ zusammenstellt, desto besser schneidet man in Bezug auf alle Risikofaktoren und das Körpergewicht ab.

Diabetesbehandlung ist ja nicht nur Therapie des erhöhten Zuckers, sondern häufig auch anderer Faktoren, welche zu einem erhöhten Gefäßrisiko, wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder zu Durchblutungsstörung der Beine – dem diabetischen Fuß, führen. Was empfiehlt die EASD dazu?
Die Behandlung des Diabetes umfasst immer die Therapie aller Risikofaktoren – sehr häufig sind mit dem Diabetes ja Bluthochdruck, hohe Blutfette und Übergewicht verbunden. Auch dazu gibt es Neuigkeiten. Der Blutdruck sollte sehr früh mit einer Kombination mehrerer Medikamente eingestellt werden, Mittelwerte um 130-140 / 75-85 mmHg sind hier anzustreben, vor allem um Schlaganfällen vorzubeugen. Für die Behandlung der erhöhten Blutfette sind neben den nun schon lange eingesetzten Statinen, welche allerdings nicht von allen Patienten gut vertragen werden (Muskelschmerzen, Magenschmerzen), wurden Untersuchungen mit spezifischen Antikörpern, wie sie z.B. bereits in der Rheumabehandlung eingesetzt werden, vorgestellt.

Herr Dozent Weitgasser, wir danken Ihnen für diese interessanten Neuigkeiten und gratulieren nochmals ganz herzlich zum Kongresserfolg!