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Archiv 2013

 
27.06.2013

Diakonie-Dialoge: Selbstbestimmung im Alter

Heiko Rutenkröger, Helga Rohra, Martin Greifeneder

350 Interessierte aus Altenarbeit, Sozialbereich, Ausbildung, Wissenschaft und öffentlichem Dienst nahmen an der Fachtagung zum Thema „Selbstbestimmung von Menschen im Alter“ teil. Selbstbestimmung als Gabe und Aufgabe, Anforderungen für eine zukunftsfähige Pflege, Teilhabe von Menschen mit Demenz und die rechtlichen Rahmenbedingungen von Selbstbestimmung und Teilhabe waren Thema der 19. Diakonie-Dialoge in Linz.

LINZ. "Selbstbestimmung leben und entscheiden, was ich glaube, was für mich gut ist, das wünschen wir uns alle. Es kommt nicht plötzlich das Bedürfnis nach Selbstbestimmung abhanden, nur weil wir ins Alter kommen", so Rektorin Mag.a Christa Schrauf in ihrer Eröffnungsrede der 19. Diakonie-Dialoge, die am Donnerstag, 27. Juni, in der voestalpine Stahlwelt in Linz stattfanden.

Die Bürde der Würde: Selbstbestimmung als Gabe und Aufgabe

Selbstbestimmung als Fähigkeit, Selbstbestimmung als Recht und Selbstbestimmung als Ideal oder Orientierungspunkt unterschied Univ.-Prof. DDDr. Clemens Sedmak, Theologe und Philosoph an der Universität Salzburg und am King's College London, in seinem Beitrag zum Thema "Die Bürde der Würde: Selbstbestimmung als Gabe und Aufgabe". "Als Fähigkeit ist Selbstbestimmung wie alle Fähigkeiten graduierbar, das heißt, die Fähigkeit kann im Laufe des Lebens einmal größer, dann wieder kleiner werden", so Sedmak. "Als Recht ist Selbstbestimmung nicht nur ein Abwehrrecht im Sinne von 'Lass' mich in Ruhe', sondern auch ein Anspruchsrecht - das Recht in seiner Selbstbestimmung unterstützt und gefördert zu werden". Feingefühl, Präsenz, Organisation, experimentieren und genau hinschauen sind nach Sedmak wichtige Vokabeln einer "Sprache der Liebe", die wir lernen sollten, um Menschen im Alter und Menschen mit Beeinträchtigungen bei ihrer Selbstbestimmung zu unterstützen.

Selbstbestimmung ist die fachliche Anforderung für eine zukunftsfähige Pflege

"Selbstbestimmung heißt Entscheidungen treffen zu können, die von persönlichen Gefühlen, Interessen und Urteilen geleitet sind, die eigene Ziele und Erwartungen in den Vordergrund stellen und den eigenen Interessen folgen", so Heiko Rutenkröger vom Kuratorium Deutsche Altershilfe in seinem Vortrag. Daraus folgt: "Selbstbestimmung bedeutet zunächst Voreingenommenheit, Befangenheit, Unsachlichkeit, Emotionalität." Gerade diese subjektive Sicht gelte es aber ernst zu nehmen, denn "Selbstbestimmung schafft Lebensqualität". Wichtige Bausteine seien dafür soziale Beziehungen, Solo-Aktivitäten, physisches Wohlbefinden, Wohnen und Nachbarschaft, Sicherheit und Unabhängigkeit. "Pflege muss kreative Alternativen schaffen, denn Selbstbestimmung ist die fachliche Anforderung für eine zukunftsfähige Pflege", so der examinierte Altenpfleger und Diplomierte Pflegewirt.

"Jetzt will ich diese Teilhabe!"

"Das Ich geht nicht verloren, auch wenn meine Sprache schwindet", betonte die Dolmetscherin und Demenz-Betroffene Helga Rohra in ihrem Beitrag. Sie appellierte daran, nicht über Menschen mit Demenz zu sprechen, sondern mit ihnen. "Ich habe Demenz, aber ich bin viel mehr - ich bin Mutter, Dolmetscherin, habe Interessen und Fähigkeiten trotz meiner Krankheit. Ich möchte weiter meinen Sport betreiben, ich möchte weiterhin in die Oper gehen", so Rohra. Wichtig sei es, Menschen mit Demenz nach der Diagnose eine Perspektive zu eröffnen. Dafür benötigten Betroffene vor allem psychosoziale Betreuung und Begleitung. "Die Kunst liegt darin, sich nicht mit den Defiziten zu sehen, sondern mit den Fähigkeiten. Ich brauche Hilfe, die mir den Glauben an mich zurückgibt." Denn, so Rohra, "wir haben Anspruch auf berufliche Teilhabe. Wir haben Anspruch auf Sinn in unserem Leben. Jetzt will ich diese Teilhabe!"

Selbstbestimmung im Alter aus rechtlicher Perspektive

Dr. Martin Greifeneder, Arbeits- und Sozialrichter am Landesgericht Wels, stellte für das Thema Selbstbestimmung relevante Rechtsnormen und Gesetze vor. In Artikel 3 der UN- Behindertenrechtskonvention, die 2008 von Österreich ratifiziert wurde, ist von der "Achtung der dem Menschen innewohnenden Würde, seiner individuellen Autonomie einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, sowie seiner Selbstbestimmung" die Rede. Die Konvention regelt "die volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und Einbeziehung in die Gesellschaft". Ziel ist die "unabhängige Lebensführung und volle Teilhabe in allen Lebensbereichen für Behinderte durch gleichberechtigten Zugang zur physischen Umwelt, zu Transportmitteln, zu Information und Kommunikation, einschließlich Informations- und Kommunikationstechnologien und –systemen." Das gilt ebenso für Menschen im Alter mit körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen. Die Konvention verpflichtet die Gesetzgebung, Verwaltung und Gerichtsbarkeit. Die formulierten Rechte können aber nicht vom Einzelnen eingeklagt werden.

Diakonie-Dialoge

350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Alten- und Seniorenarbeit nahmen an der Veranstaltung teil, die nach 2011 nun zum zweiten Mal in Linz stattfand. Die 20. Diakonie-Dialoge finden am Freitag, 27. Juni 2014, in Salzburg zum Thema „Sterben, Tod, Erlösung: Begleitung am letzten Stück des Weges“ statt. Nähere Infos www.diakonie-zentrum.at


Heiko Rutenkröger, Helga Rohra, Martin Greifeneder Clemens Sedmak Susanne Kunze, Heiko Rutenkröger